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12. Juni 2019 - 00:00 Uhr

Einsamkeit für Alle?


Es ist nicht leicht über ein Thema zu sprechen, wenn man niemanden hat! Einsamkeit ist das Thema in einer Gesellschaft, in der das Netzwerk "Gemeinschaft" immer weniger trägt! Mit dem Jahresbericht 2018 weisen wir auf dieses "tragende" Thema unserer Gesellschaft hin..

„Einsamkeit ist das große Thema der Gesellschaft“

Immer mehr Menschen rufen bei der Evangelisch-Katholischen Telefonseelsorge Saar an, weil sie einsam und alleine sind. Von mehr als 9.000 Gesprächen, die im Jahr 2018 geführt wurden, ging es in etwa jedem fünften um Einsamkeit. Deshalb hat die Telefonseelsorge Saar das Thema in den Mittelpunkt ihres Jahresberichtes 2018 gestellt, der am 12. Juni in Saarbrücken vorgestellt wurde.

 

Mehr als die Hälfte der Menschen, die sich an die Telefonseelsorge wenden, leben alleine. Diese Zahl ist über die letzten Jahre gestiegen. „Am Telefon spiegelt sich eine gesellschaftliche Veränderung wider: Immer mehr Menschen leben nicht mehr in Familien oder festen Gemeinschaften“, sagt Pfarrer Volker Bier, der evangelische Leiter der Telefonseelsorge Saar. Dies gelte insbesondere für ältere Menschen und Menschen mit körperlichen oder psychischen Krankheiten. „Einsamkeit ist das große Thema der Gesellschaft, die verarmt. Verarmt an Begegnungen, verarmt an Augenblicken, verarmt an Umarmungen oder einfach nur ärmer geworden ist an freundlichen Worten zwischen Tür und Angel“, betont Bier.

 

Häufig werde die Einsamkeit von den Betroffenen schamhaft erlebt, als persönliches Versagen. „Deshalb helfen auch keine Tipps, wie der Einsamkeit zu entkommen wäre. Es geht in den Gesprächen vielmehr um Verständnis und Akzeptanz, wenn jemand nicht auf andere zugehen kann oder Angst hat, anderen nicht zu genügen“, erklärt die Diplompsychologin Heidrun Mohren-Dörrenbächer, die katholische Leiterin der Einrichtung. Für viele Betroffene stelle eine Kontaktaufnahme zu anderen Menschen eine viel zu große Hürde dar.

 

„In den Begegnungen mit der TelefonSeelsorge geht es deshalb vor allem darum, kurze Augenblicke des Kontaktes zu erleben. „Es ist kein Zufall, dass einsame Ratsuchenden vor allem das Medium Telefon wählen, um mit uns in Kontakt zu treten. Sie wollen eine Stimme hören. Mail und Chat bieten diese direkte Begegnung nicht“, erläutert Bier.

 

42 % der Menschen, die mit dem Thema „Einsamkeit“ anrufen, sind Männer. „Dabei ist nach Auswertung unserer Zahlen vor allem der Übergang in den Ruhestand eine kritische Phase. So waren unter den Anrufenden mehr als ein Drittel im Ruhestand und nur 13 % berufstätig“, erläutert Volker Bier.

 

Auch wenn die meisten Kontakte über das Telefon erfolgen, gewinnt die Onlineberatung insbesondere bei jüngeren Menschen an Bedeutung. 250 Kontakte liefen über Mail und 184 im Chat. Die Themen sind dort anders gewichtet. Bei jedem vierten waren „Depressive Stimmungen“ und jedem fünften „Suizidalität“ in der Mailberatung die häufigsten Themen. „Wir vermuten, die Menschen suchen sich das Medium sehr bewusst aus, um mit uns Kontakt aufzunehmen“, erläutert Heidrun Mohren-Dörrenbächer. Dabei sei nicht nur das Alter entscheidend für die Wahl, sondern auch das Thema. „Die Hemmschwelle, um über schambesetzte Themen wie Suizid zu reden, ist im Chat oder per Mail geringer als am Telefon“, so Heidrun Mohren-Dörrenbächer.

Die Gespräche und die Online-Seelsorge führten vor allem die rund 80 ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Telefonseelsorge Saar. Sie sind 365 Tage im Jahr rund um die Uhr bereit, Menschen in Krisensituationen zuzuhören, sie zu unterstützen, zu trösten und neue Blickwinkel zu eröffnen. Neben den telefonischen oder elektronischen Gesprächen gibt es im Saarland zudem die Möglichkeit, die Beratung persönlich und vor Ort mit vier ausgebildeten Hauptamtlichen fortzusetzen.



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